Liebe Leserin, lieber Leser,
Manfred Siebald ist ein christlicher Liedermacher. Seine Texte sind einfühlsam, oft zart und verspielt. Er kennt unsere Gefühle und Hoffnungen - und auch unsere Schwächen. Er erzählt Alltägliches und findet auch in unauffälligen Ereignissen Gottes Spuren.
Manchmal übertreibt er schrecklich. Das hört sich lustig an. Aber mitten im Lachen kann es einem passieren, daß man sich verwundert bewußt wird, daß der Sänger ja mich meint und meine Ge-schichte erzählt.
So ist es mit dem Lied vom Teppich. Ein Mann bekommt Besuch. Er erschrickt, denn in seiner Wohnung herrscht Chaos.
Er macht Ordnung - auf seine Art: "Er schlug die große Besenschlacht und raffte, kehrte, zog und schob, bis alles unterm Teppich war; der beulte sich - doch nur ganz sacht."
"Unter den Teppich kehren" - wir kennen den Begriff und wir wissen: Danach ist das Zimmer nicht sauber. Der Schein trügt. Der Dreck wird nur versteckt.
Bei dem Mann bleibt es nicht beim ersten Mal: "Was sich erst einmal gut bewährt hat, darauf greift man gern zurück. Beim ersten Mal lief das System schon wie geschmiert. Der Teppich schluckte alles sauber, Stück für Stück. Nun war Besuch stets angenehm. Der Staub von Jahren, Socken, Rechnungen und schmutziges Geschirr, ein Rest Spinat, drei alte Schuh, die Spuren wilder Feste und verschlafener Tage ruhten dort. Der Teppich wuchs der Lampe zu."
Und später wird es immer schlimmer: "Inzwischen ist sein Leben eng geworden. Er bewegt zu Haus sich nur noch auf dem Bauche fort. Die Decke rückt bedrohlich näher; alle Möbel zogen aus. Kein Gast kriecht mehr an diesen Ort."
"Unter den Teppich kehren" - wir spüren, daß der Sänger nicht nur ein paar Schlamper meint, die sich nicht die Mühe machen, ihr Haus aufzuräumen und deren Leben deshalb beängstigend eng wird. Hier wird denen ein Gespräch angeboten, die ihren Seelenmüll nicht entsorgen. Sie verdrängen ihre Angst und reden mit niemandem. Und die Angst bedroht jeden vernünftigen und fröhlichen Gedanken. Sie verdrängen die Sorge und lassen niemanden an sich heran. Und die Sorge beherrscht nach und nach jedes Lebensgebiet. Manchmal lachen sie noch nach außen und im Herzen sind sie erstarrt. Sie verdrängen Schuldbewußtsein und Schuldgefühl und werden entweder verlogen selbstgerecht oder sie verdammen sich selber und hassen sich und sind deshalb unfähig, jemand anderen zu lieben.
Liebe Leserin, lieber Leser, jeder Gottesdienst beginnt mit der Entsorgung von Seelenmüll.
Wir bitten: "Gott sei mir Sünder gnädig." Für viele Menschen ist die Zusage der Gnade wohltuend: Gott ist barmherzig. Er wendet sich uns liebevoll zu. Die Güte Gottes ist gewiß.
Wir bitten: "Herr, erbarme dich. Christus, erbarme dich. Herr, erbarme dich über uns." Viele Menschen denken bei diesen Hilfe- und Huldigungsrufen an ihre Angst und Sorge und nennen in Gedanken ihre Probleme und Nöte vor Gott.
Für manche Gemeindeglieder sind diese kurzen Gebete im Gottesdienst eine Anregung, das Gespräch mit einem Seelsorger zu suchen. Sie merken, daß die Liturgie ein Anfang der Hilfe ist. Gemeinsam können wir uns daran machen, unser Leben vom Seelenmüll zu reinigen.
Das Lied von Manfred Siebald endet hoffnungsvoll: "Er sucht nach einem, dem er alles zeigen und erzählen kann und der ihn von dem Zeug befreit."
Gottesdienst, Gebet und Gespräch führen uns zu dem einen, der uns befreit.
Ihr Georg Güntsch