Abtswind

Von Rudolf Kniewasser
aus "Castell- Grafschaft und Dekanat"
Hrsg. Georg Güntsch
Verlag der Ev.-Luth. Mission Erlangen 1991

ã Eberhard Meyer

 

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Abtswind ist ein sehr alter Ort.

Bereits 783 taucht zum ersten Mal der Name »Abbatissaewinden«, d.h. »zu den Wenden der Äbtissin«, auf. Gemeint ist die Äbtissin des Klosters Frauenschwarzach, das an der Mündung der Schwarzach in den Main gelegen hat. Der Name sagt, daß es sich um eine Siedlung slawischer Wenden handelt. Mehrere Stoßkeile von ihnen blieben in der Völkerwanderung im hiesigen Bereich stecken. Sie wurden dann von den aus dem Westen vordringenden Franken unterworfen und später aufgesogen. Man kann mit Sicherheit annehmen, daß zur Zeit Karls des Großen die hiesigen Wenden unter den »überwachenden Schutz« vertrauenswürdiger Größen gestellt wurden; in diesem Fall des Klosters Frauenschwarzach. Dieses Kloster wurde bald nach seiner Gründung in die heutige Schweiz verlegt. Die zugehörigen Ländereien übertrug man dem Abt des 816 gegründeten Männerklosters Münsterschwarzach.

Im frühen Mittelalter bestand Abtswind aus zwei Orten: Kleinabtswind und Großabtswind. Am benachbarten Eich-brunnen soll um 680 der Frankenapostel St. Kilian oder ein iroschottischer Mönch aus seiner missionarischen Gruppe gepredigt und getauft haben. Hier entstand das erste Gotteshaus von Abtswind: die St.-Michaels-Kirche. Um sie herum der Ort Kleinabtswind. Dieser Ortsteil stand im Eigentum der Grafen von Castell und war bis 1364 mit der Pfarrei Rüdenhausen verbunden. In Großabtswind entstand eine Pfarrei durch die Mönche von Münster-schwarzach. 1364 erfolgte mit bischöflicher Erlaubnis die Trennung von Kleinabtswind von der Pfarrei Rüdenhausen und ihre Vereinigung mit der »größeren Gemein« zu Abtswind. Die St.-Michaels-Kirche fiel dem Dreißigjährigen Krieg zum Opfer und wurde nicht wieder aufgebaut.

Nach dem Bauernkrieg (1525) verkaufte Münsterschwarzach seinen Abtswinder Anteil an die Freiherren Fuchs von Bimbach und Domheim. Das Kirchenpatronat wurde von da an von der Gemeinde Abtswind selbst wahrgenommen. Im 15./16. Jahrhundert war Abtswind ein Kondominat der drei Herrschaften Castell, Kloster Münsterschwarzach bzw. Fuchs von Bimbach und Kloster Ebrach.

Der Fuchsische Anteil ging durch die Witwe des letzten Fuchs, die den Grafen Otto von Dembach geheiratet hatte, nach deren Tod an das von ihr gegründete adelige Damenstift St. Anna in Würzburg über.

Unter dem Einfluß der Grafen von Castell wurde in Abtswind die Reformation eingeführt; 1546 »probeweise«, 1559 endgültig. Im Bauernkrieg erlittAbtswind keinen Schaden, einen umso größeren aber im Dreißigjährigen Krieg. 1618 zählte man in Abtswind etwa 1200 Einwohner, 1648 waren es genau 15. Das Dorf lag in Trümmern, die Äcker waren verödet. Im Jahr 1617 fanden auf dem »Trudenplätzchen« zwischen Abtswind und Rüdenhausen vier Hexenbrände statt, denen 13 Personen (11 Frauen und zwei Männer) zum Opfer fielen. Insgesamt waren damals 91 Menschen wegen Hexerei angek1agt. Abtswind hatte von 1622 an unter Einquartierungen, Plünderungen, Brandstiftung und Gewalttaten zu leiden, ganz gleich, ob es sich um feindliche oder befreundete Truppen handelte. Dazu kamen die verheerenden Auswirkungen von Pest und Cholera. In einer alten Chronik ist zu lesen, daß »beim Kronenwirt Gras und Bäume zum Fenster hinaus-wuchsen«.

Die Kirche wurde in den folgenden Jahren stückweise wieder instandgesetzt bzw. aufgebaut. Glücklicherweise blieben der Chor und einer der drei gotischen Flügelaltäre erhalten. Die Bevölkerung erreichte langsam wieder die gleiche Stärke wie vor dem Krieg.

In den Wirren des Krieges übertrugen die Abtswinder das Patronat über ihre Pfarrei den Grafen zu Castell, die es bis zum Jahr 1969 innehatten und ihr Amt mit großem Engagement und geistlicher Würde ausübten.

1730-1732 kamen zwei Züge mit ausgewanderten Salzburger Protestanten auf ihrem Weg nach Ostpreußen durch Abtswind. Einige von ihnen blieben in Abtswind und wurden ansässig. Auf dem Friedhof zeugt ein herzförmiger Grabstein von einer dieser Familien. Die Abtswinder Pfarrkirche ist eine St.-Marien-Kirche. Sie enthält einen bemerkenswerten spätgotischen Flügelaltar, vermutlich aus der Werkstatt eines namentlich nicht bekannten Bamberger Meisters.

 

 

 

 

Im Mittelschrein eine ergreifende Pieta, auf dem linken Flügel St. Elisabeth mit dem Blumenkörbchen und St. Katharina mit dem zerbrochenen Rad und dem Schwert, auf dem rechten Flügel St. Barbara mit dem Kelch. Die Rückseiten der Flügel zieren vier Tafelbilder aus der Werkstatt von Michael Wolgemut mit Szenen aus dem Marienleben. Leider sind das Gesprenge und die ursprüngliche Predella des Altars nicht mehr erhalten.

Die steinerne Kanzel trägt in römischen Ziffern die Jahreszahl 1575 und einen Kelch mit einer Schlange (ein Symbol aus der Benedictuslegende: alte Verbindung zum Benediktinerkloster Münsterschwarzach). Die vermauerte Sakramentsnische wurde im Zuge der letzten Kirchenrenovierung wieder geöffnet.

Die Pfarrkirche, deren barocker Turm 47 m hoch aufragt, ist von den Resten der alten Friedhofsbefestigung umgeben. Der spätmittelalterliche Bau bekam seine heutige Gestalt gegen Ende des 17. Jahrhunderts. 1974 fand die letzte Außenrenovierung statt, 1987/88 die letzte Innenrenovierung. Der Orgelprospekt stammt von 1756 aus der Werkstatt von Johann Rudolf Voigt aus Schweinfurt.

Im Gemeindeleben hatten Aufklärung und Rationalismus verheerende Folgen (mindere Einschätzung der Sakramente, mechanischer Vollzug der Gottesdienst-ordnung, allgemeine Gleichgültigkeit und geistliche Trägheit). Ein erster Lichtstrahl fiel durch das dunkle Gewölk durch die Wirksamkeit von Pfarrer Heydrich (1871) und seines geistlichen Sohnes Wolfgang Mümpfer. Besonders dieser nahm eine herausragende Stellung innerhalb des Nen-Pietismus ein.

Mümpfer war Schneidermeister in Abtswind. Ihm sind die ersten Ansätze eines lebendigen Gemeindelebens zu verdanken. Seine Wirksamkeit brachte in dem benachbarten Rehweiler, das schon 100 Jahre früher eine geistliche Erweckung erlebt hatte, eher Früchte als in Abtswind selbst. Mümpfer war ein tief gegründeter, innerlicher und frommer Mann, der, wenn er hier war, keinen Gottesdienst versäumte und der einmal dem Pfarrer gegenüber den Wunsch äußerte, das Heilige Abendmahl möge öfter gefeiert werden. Die Landeskirchliche Gemeinschaft in Abtswind geht unmittelbar auf ihn zurück.

Das kirchliche Leben heute ist wie überall von der allgemeinen Umbruchsituation nicht unberührt geblieben. Die Heiligung des Sonntags ist im Zeitalter der mobilen Gesellschaft nicht mehr so selbstverständlich wie früher. Trotzdem ist die Teilnahme am Gottesdienst überdurchschnittlich gut. Das ist vor allen Dingen der Jugendarbeit zu verdanken. Das Gottesvolk ist nicht erschöpfend damit charakterisiert, daß es sich trifft, um eine Predigt anzuhören. Es geht um die Wiedergewinnung der fast verlorengegangenen sakramentalen Dimensionen. Die Grundstruktur der gottesdienstlichen Feier wurde der Gemeinde wieder deutlich gemacht. Die Zahl der Kommunikanten betrug 1952 noch 458; sie ist inzwischen auf rund 2000 im Jahr angewachsen. Abtswind ist zwar eine selbständige Gemeinde, jedoch seit der Gebietsreform 1978 der Verwaltungsgemeinschaft Wiesentheid angeschlossen. Die zweiklassige Volksschule wurde aufgelöst. Die Kinder besuchen die Verbandsschule in Wiesentheid. Im umgebauten Schulhaus fand im Erdgeschoß der Kindergarten sein Domizil. Die Bevölkerungsstruktur hat sich gewandelt. Die meisten Vollerwerbslandwirte sind inzwischen zu Nebenerwerbs- oder Zuerwerbslandwirten geworden. Die Bevölkerungszahl ist auf rund 750 Personen zurückgegangen. Der evangelische Anteil daran beträgt 625. In ökumenischer Hinsicht herrscht ein sehr gutes Klima.

Im ersten Stock des ehemaligen Schulhauses hat die Kirchengemeinde jetzt Räume zu ihrer Verfügung, die ein reges Gemeindeleben auch außerhalb des Gottesdienstes möglich machen. Sie bieten Heimat für den Kirchenvorstand, den Kindergottesdienst, Kirchen- und Posaunenchor, den Frauenkreis, den Seniorenkreis, eine Jugendgruppe und zwei Jungscharkreise, den liturgischen Chor und für den Präparanden- und Konfirmandenunterricht.

 

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